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Sportklettern - Klärung eines Mißverständnisses

Sportklettern - Klärung eines Mißverständnisses

Leserbrief an den "Neuen Sächsischen Bergsteiger" - Sektionsmitteilungsblatt des Sächsischen Bergsteigerbundes (zum Leserbrief von G. Hommel, Heft 1/97)


Als "Nichtsachse", der die Sächsische Schweiz als sein Lieblingsklettergebiet bezeichnet, verfolge ich die Arbeit der AG Felsklettern zwar als Außenstehender, aber dennoch mit großem Interesse - so auch den o.g. Artikel von Gunter Hommel.

Früher war ich immer wieder verblüfft über die Inkonsequenz mit der weit verbreitete Regelverletzungen (Hilfsbohrer, Skyhooks, Massivkletterei) geduldet wurden. Da überrascht es heute kaum mehr, daß nun die Forderung nach einer Aufweichung oder gar einer Abschaffung der Kletterregeln so massiv vorgetragen wird, wie in letzter Zeit. "Die Regeln müssen weg, wir wollen Sportklettern!", fordern die einen. "Die sächsische Klettertradition darf nicht durch das Sportklettern kaputtgemacht werden!", warnen die anderen.

Falsch!
Man kann über die sächsischen Kletterregeln denken wie man will. Diese Diskussion hat allerdings überhaupt nichts mit dem Thema "Sportklettern" zu tun!

Fälschlicherweise wird der Begriff "Sportklettern" immer wieder - vor allem in traditionell geprägten Gebieten, wie eben z.B. in Sachsen sowie im Bergsteigerlager - als "das (regelfreie?) Klettern von sehr gut abgesicherten (übersicherten) Routen möglichst nahe der persönlichen Leistungsgrenze" mißverstanden oder sogar mit "Wettkampfklettern" verwechselt (s. DAV-Mitteilungen).

Der Begriff "Sportklettern" entstammt der Zeit anfangs der Siebziger Jahre, in der in Westdeutschland und im Alpenraum die Wiederentdeckung des Freiklettergedankens die Erkenntnis mit sich brachte, daß das Klettern einen Wert an sich darstellt. Vor dieser Zeit wurde das Klettern nur als Teil des Bergsteigens angesehen und damit als ein Mittel unter vielen (Bergwandern, Gletscherbegehungen, Eisklettern, ) die Gipfel hoher und höchster Berge zu erreichen. Das Klettern in den Mittelgebirgen diente (in Westdeutschland) vor allem in der Nachkriegszeit vielfach nur dem Training für Unternehmungen in den Alpen und an den Weltbergen. Das Klettern emanzipierte sich von dieser Rolle und wurde (wieder) als Selbstzweck und damit als eine eigenständige Sportart angesehen.
Um den Unterschied zum klassischen, "alpinen" Klettern klar hervorzuheben und um sich von der bergsteigerischen Zielsetzung abzugrenzen wurde der Begriff "Sportklettern" eingeführt - nichts weiter.

"Vielfach wird heute noch zwischen dem traditionellen sächsischen Bergsteigen mit etwas größeren Abständen zwischen den Sicherungspunkten und der Pflicht, neue Routen von unten (also genau so, wie später auch geklettert werden soll) mit Sicherungsringen auszustatten und dem sogenannten Sportklettern (mit Ringabständen von teils weniger als einem Meter) unterschieden. Für mich stellt aber dieser Begriff des Sportkletterns nur eine Verlotterung der traditionellen, seit über 100 Jahren anerkannten Kletterregeln dar und keinen Zweig, der das Bergsteigen bereichern könnte." (Zitat aus einer anonymen Internet-Seite).

Solche und ähnliche Aussagen beruhen auf einem groben Mißverständnis:
Ob jemand "sportlich" klettert bzw. sich als Sportkletterer versteht, hängt in keiner Weise mit der Qualität der Absicherung zusammen oder mit der Art und Weise, in der Erstbegehungen zustande kommen. Kein britischer Kletterer käme je auf die Idee sich nicht als Sportkletterer zu bezeichnen - sofern es einen ähnlichen Kunstbegriff im englischen Sprachschatz gäbe - nur weil an den meisten Felsen in Großbritannien die Kletterwege ausschließlich mit Klemmkeilen abgesichert werden müssen.
Einzig und allein ausschlaggebend ist das Selbstverständnis eines jeden Kletterers und die Existenz von Regeln! Letztere werden beim Sportklettern im allgemeinen nur lose als Begehungsstile definiert, die die Vergleichbarkeit der einzelnen Leistungen ermöglichen sollen. Ausnahmen, wie in Sachsen oder in Großbritannien, wo jeweils wesentlich schärfere Regeln existieren, bestätigen diese Betrachtungsweise.

Es ist also strenggenommen auch nicht sinnvoll, einer Kletterroute das Prädikat "Sportkletterei" zu geben, da es sich in dieser Sache nicht um eine Frage nach objektiven Werten einer Kletterroute (Absicherung, Schwierigkeit) handelt, sondern um eine Frage nach subjektiven Werten (warum klettere ich, wie klettere ich) jedes einzelnen Kletterers.
So gesehen kann man auch das traditionelle Klettern im Elbsandsteingebirge, das von je her Selbstzweck aus sportlichem Antrieb war und ist, mit seinen definierten Regeln als Sportklettern im besten Sinne des Wortes erachten.

Das Infragestellen der sächsischen Kletterregeln hat meines Erachtens mehr mit der umsichgreifenden Reduzierung des "Erlebnisses Klettern" auf den reinen Schwierigkeitsgrad zu tun. Je höher der Schwierigkeitsgrad, desto größer das Erlebnis - anhand dieser Formel wird verständlich, warum dem Erschließen gut abgesicherter Routen heute eine so große Bedeutung beigemessen wird. Dies ist die Sackgasse, in die der Klettersport zu geraten droht.

Nun mag der ein oder andere einwenden, daß gerade eine solche Reduzierung das Sportklettern ausmacht. Dies halte ich allerdings für einen Irrtum. Jede Sportart bietet dem Sportler ein Erlebnis, das über die Erfahrung der eigenen Leistungsfähigkeit hinausgeht, z.B. ein Mannschafts-, Zweikampf- oder Spielerlebnis. Die Erlebnisse beim Klettern können sehr vielfältig sein. Ein Abschalten dieser Reize bringt das Klettern auf das Niveau von Bodybuilding, bei dem nichts anderes interessant ist als physische Kraft.

Das Klettern im Elbsandsteingebirge sollte sich seine Eigenart und Ursprünglichkeit bewahren, daran herrscht für mich kein Zweifel. Das traditionelle sächsische Klettern muß ein Gegengewicht zu der immer weiter fortschreitenden Vereinheitlichung der Klettergebiete und -stile sein, ein Gegengewicht zu immer mehr Bohrhaken, künstlichen Griffen und uniformen Kletterrouten.

Man kann für den Erhalt des sächsischen Regelwerkes sprechen oder dagegen - nur:
Eine Argumentation für oder gegen das Sportklettern ist in dieser Debatte absolut untauglich!




Christoph Deinet, Kelkheim



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